Die Tochter des Kastellan

Aus „Mein Volkstümliches Galladoorn“ von Ertzel Jasper von Adelbruck Grimmelshausen

In Waldbrunn, unweit von Freihenfels steht ein altes, stattliches Herrenhaus, zum „Waldbrunner Hof“ genannt. Dieser Hof gehoerte einst dem Edlen Torben von Baerfelden und wurd’ von einem Kastellan verwaltet, welcher ein verarmter Verwandter des Hausherrn und ebenso von adligem Gebluet’ war. Dieser Kastellan nun hatte ein Toechterlein, so schoen und liebreizend, wie kein anderes im ganzen Lande Waldbrunn. Und so war’s auch kaum verwunderlich, das sie von vielen Freiern umschwaernt war, trotz ihrer Armut. Doch wollt’ sie keinem ihr Herz schenken als einem armen Sohn eines Freiherrn aus der Kronmark, wozu ihr Vater auch gern die Einwilligung gab.
Doch dann kam die Mittsommernacht. Die Nacht wo die Waldweiber und Hexen tanzen und den alten Wegen huldigen mit Gesang und Geschrei. Das Liebespaar befand sich auf einer kleinen Abendgesellschaft, in welcher viel ueber die grauen Weiber und Hexen und Gespenster geredet wurd’. Aus einer Laune herraus sprach die Geliebte zu dem jungen Mann: „ ich will deine Lieb’ auf die Probe stellen. Gehe auf den Kreuzweg hinten auf dem Felde und sieh nach was die Hexen fuer Kuenste treiben und erstatt’ mir hernach Bericht.“ Der junge Mann aber, der stark im Glauben an den Drachen und dessen Prinzipien war, glaubte nicht an Hexenwerk und dererlei Aberglauben und begab sich lachen auf den Weg ins Feld dort wo die drei Birken stehn. Doch zurueck kam er nicht.
Die Mutter des Vermissten jedoch sprach voll Trauer einen Fluch ueber die Tochter des Kastellan und diese verfiel dem Wahn und verstarb ein Jahr und einen Tag darauf. Und sooft die Mittsommernacht kommt, kann man ihren Geist auf dem Kreuzweg unter den Birken jammern und weinen hoehren und den Namen ihres Geliebten rufen, bis nach Freihenfels mag man’s in manch klarere Nacht noch vernehmen.

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