Der König zu Muehlenburg

Aus „Mein Volkstümliches Galladoorn“ von Ertzel Jasper von Adelbruck Grimmelshausen

Mehr ein alter Brauch als eine richtige Legende ist ein in Waldbrunn noch heute begangener Festtag, doch er ist durchaus kurios, so dass der geneigte Leser auch daran seine Erbauung haben wird. Und wer weiß, vielleicht lenkt Ihr ja eines Tages Eure Schritte gen Waldbrunn, so mag’s Euch nur ans Herz gelegt sein: verpasset diesen Festtag nicht, den der Waldbrunner Muehlenstein ist sicherlich einer der besten Kaese in Galladorn, wenn nicht sogar in den ganzen Mittellanden.

Fuer die Nutznießung eines Landstriches des Klosters Drachenfels hatte Muehlenburg und einige angrenzenden Gehoefte eine jaehrliche Abgabe zu entrichten. Aus diesem Zinse erwuchs der alte Brauch, welcher noch in den heutigen Zeiten begangen wird.
So wird aus den stattlichsten Soehnen der Buerger und Freien einer zum Koenig gewaehlt und ihm wird ein Weibel zur Seit’ gestellt, welcher ihn zu bedienen hat. Dieser Koenig begibt sich nun alljaehrlich am Morgen des Siegmundstages mit seinem Weibel und einem stattlichen berittenem Gefolge in die vom Zins betroffnen Doerfer und Gehoefte, um dort die Abgaben fuer die Gerechtsamen in Empfang zu nehmen. Und da in jener Gegend die Weiden ueppig sind und die Rindviecher und die Schafe gut im Futter stehen, so ist ein Großteil des Zehnts ein wohlschmeckender Kaese. Darum wird der Koenig auch vom Volke der Kaes’-Koenig genannt. Ist nun der Umritt vollendet und der Zins eingetrieben, so haellt der Koenig von Muehlenburg am Nachmittag Einzug in der Stadt, geziert von einer Krone aus frischen blauen Kornblumen und einem, auf einem Stab befestigtem, Kaese als Zepter in seiner rechten Hand. So begibt er sich dann auf den Oberen Markt in Muehlenburg, wo schon sein Volk auf ihn wartet. Dort wurd’, in seiner Abwesenheit, aus den Jungfern Muehlenburgs eine Kornkoenigin gewaehlt und auch fuer seinen wackeren Weibel wurd’ eine Gefaehrtinn bestimmt, meist aus den nicht mehr ganz so tugendsamen Frauen der Stadt.
Hat dann die Buergerwache den Kreis geschlossen, so tanzen der Koenig und sein Weibel mit den fuer sie bestimmten Damen und das Volk tut’s ihnen eifrig nach. Dann verschwindet der ganze Schwarm in einer fuer drei Tage und Naechte von allen Abgaben befreiten Schaenke am Markt, welches das Muehlenburger Koenigreich genannt, um zu Tanzen und zu Schlemmen und zu Zechen und sicherlich auch um zu Schmusen.

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