Der Ritt durch die Luft

Aus „Mein Volkstümliches Galladoorn“ von Ertzel Jasper von Adelbruck Grimmelshausen

Es war zu damaliger Zeit allseits bekannt, das sich der Herr Rufus zu Niederend eines harten Tones gegenueber seinen Landsknechten ruehmte. In seinen Kasernen herrschte Zucht und Ordnung und nur die Wirte klagten ueber weniger Umsatz, denn die Sperrstund’ und die Trunkenheitsgebote wurden strikt eingehalten und die Weibel waren schnell mit ihrem Stock oder der Katze zur Hand. Auch Urlaub gab es selten oder keinen, dafuer waren die Erbnachter Landsknechte aber bis ueber die Grenzen in der damaligen Zeit bekannt und geschaetzt.
Eines Tages jedoch zog es einen jungen Landsknecht, der auf den Namen Hinrich hoerte, mit aller Macht nach Duesterbrunn, zum Brautfest seiner Schwester. Er sprach bei Rufus hoechstselbst vor und dieser lies sich erweichen, da der Landsknecht gelobte, am Morgenappell wieder stramm und wohlgeruestet bei seinen Kameraden auf dem Apellplatz zu stehen.
Und so schritt der junge Hinrich zuegig aus und war guten Mutes und frohen Herzens, seine Familie noch vor der Abenddaemmerung in die Arme zu schließen. Bei Dreibuchen nahm er den alten Erbnachter Grafenpfad, der, obschon nicht viel genutzt, ihm doch eine gute Stund’ an Weg sparen sollte. So schritt’ Jung- Hinrich immer tiefer hinein in den Widderwald, den wer sollt’ ihm schon gefaehrlich werden, war er nicht einer der besten Fechter seiner Truppe?
Nun aber rumpelte ein Ochsenkarren auf dem Weg entlang und auf dem Karren saßs ein junger Bursche, schoen und stattlich anzuschauen, mit Augen schwarz wie Kohle und einem munteren Laecheln auf den Lippen und eine kleine alte Vettel, in viele Lagen Tuch gehuelt und mit nur einem Zahn. „Heda ! Landsknecht! Wohin des Wegs?“ „ Nach Duesterbrunn soll’s gehen, meine Schwester wird heut mit dem Burschen vom Weihermueller vermaehlt!“ „Na dann aufgesessen, guter Mann, wir muessen noch ein Stueck des Weges weiter, und koennten Euch bis dorthin sicherlich mitnehmen…“ Und so kletterte der Landsknecht auf den Wagen und machte es sich unter der Plane gemuetlich, waehrend der Karren den Weg entlang rumpelte. Der Bursche auf dem Kutschbock pfiff ein vergnuegtes Lied und lies seine Peitsche knallen und trieb die Ochsen forsch voran. Immer schneller rumpelte der Karren und die Luft pfiff Hintich nur so um die Ohren und bald war der Karren so schnell, das dem Landsknecht Hoehren und Sehen verging. Der Wagen hielt auch nicht an, obschon er den Weg nach Duesterbrunn wohl schon zehn Mal haette machen muessen und darum bog sich Hinrich aus dem Wagen, um zu schauen wo er sich denn gerade befinde. Und da sah er, dass der Wagen sich hoch ueber den Baumen und Daechern befand und dort durch die Luft zischte und Hinrich vernahm noch ein hoellisches Lachen vom Kutschbock, als er schon durch die Luft flog und durch Blaetter und Aeste brach und recht unsanft auf seinem Hinterteil landete.
So lag er nun mitten im Wald, der Kopf droehnte ihm noch von dem wilden Ritt und er schleppte sich mit schmerzenden Gliedern auf ein Feld, wo er einen Bauern traf. Den fragte er, wie weit es noch bis Duesterbrunn sei. Der Bauer jedoch hatte von einem Ort namens Duesterbrunn noch nie gehoert und verwies Hinrich an einen Priester des Drachen, der im Dorf eine kleine Kapelle leitete. Dieser sagte ihm, das Duesterbrunn einen ganzen und einen halben Tag entfernt wohl liege, denn Hinrich befand sich schon auf Rabenmund’schen Gemarkungen. Auch sah der Priester wohl, mit was fuer einem Fahrzeug der arme Landsknecht gefahren war, denn es war kurz vor dem Mittsommerfest.
Der Edle Rufus packte den Hinrich anfangs wohl recht hart an, wo er so lang geblieben sei. Doch als Hinrich ihm erzaehlte, was ihm wiederfahren, so verzieh er dem jungen Landsknecht, weil der arme Teufel so viel Angst ausgestanden hatte.
Intensive Recherchen eines sehr geschätzten Kollegen haben ergeben, das in Erbnacht ein äußerst hochprozentiger Schnaps aus Wacholderbeeren und Kreuzkümmel gebrannt wird, welcher dort unter dem Namen Landsknechtsritt verkauft wird. Dieser ist besonders beim einfachen Volk sehr beliebt und sorgt für schlimme Nachwehen. Allerdings war es trotz eifriger Bemühungen nicht herauszufinden, was zuerst da war: die sicherlich wahre Begebenheit mit Hinrich, oder der Schnaps, der an den Wegstationen zwischen Erbnacht und Düsterbrunn ausgeschenkt wird.

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