Freiherrentum Tiefensee

„Golden wiegt sich das Korn im lauen Sommerwind, saftige Weiden bedecken die Hügel und in den hübschen, weißgetünchten Häusern findet ein Wanderer stets freundliche Aufnahme.“

So sprach man vor den dunklen Zeiten vom Freiherrntum Tiefensee, in der Kronmark gelegen. Nur wenig Wald findet man hier, dafür blüht dank der fruchtbaren Erde die Landwirtschaft. Zwischen den ordentlich bestellten Feldern finden sich Dörfer aus weißgetünchten Häusern, gruppiert um einen Marktplatz, der abendlicher Treffpunkt der Dorfgemeinschaft und vor allem im Sommer Schauplatz ausgelassener Feste ist.

Der Namensgeber des Freiherrentums ist der zentral gelegene Tiefensee, um den sich viele bäuerliche Legenden ranken. Trotz des eigentlich recht milden Klimas, das das ganze Jahr über herrscht, ist das Wasser des Sees stets eiskalt. Selbst an heissen Sommertagen finden sich nicht selten angetriebene Eisstücke, und auch die Oberfläche des Sees mag spiegelglatt sein, sollte auch noch so heftiger Wind über die Hügel wehen, oder wellenbewegt, wenn sich ansonsten auch kein Lüftchen regt. Keiner der kleinen Bäche und Flüsse, die man überall findet, münden in den See, kein noch so kleiner Zufluss ist zu entdecken. Den Erzählungen nach lebt der See schon ewig und hat mit den ersten Menschen, die sich an seinen Ufern niederliessen, einen Pakt geschlossen. Solange die Menschen sich mit dem See verbinden, will er sie beschützen.

Doch bevor sich jetzt Empörung erhebt in den Reihen der Gläubigen, so mag man versichert sein, dass die Verehrung des Drachen in Tiefensee sehr ernst genommen wird. Tief gläubig sind die Bewohner, vom Bauern bis zum Freiherrn. Doch der See ist Teil der Traditionen, und mit den Traditionen bricht man nicht leicht in Tiefensee. Und so kommt es, dass die herrschende Familie noch immer jedes Neugeborene an seinem dritten Lebenstag von der Mutter hinaustragen lässt in den See, um es dort gänzlich unterzutauchen und so seine Verbindung mit dem See zu besiegeln. Auch soll dieses Bad die Familie schützen vor Gebrechen des Körpers und der Seele, so geht die Legende, und wirklich weiß man von keinem Herrn von Tiefensee zu berichten, der an Krankheit verstarb. So wundert es denn auch kaum, dass das Wappen derer von Tiefensee den Eisvogel zeigt, der in Zeiten des Wohlstandes der einzige ist, der sich an den Fischen des Sees laben darf. Denn nur in Zeiten des Hungers und der Not, zuletzt geschehen im Winter nach der Schändung unseres geliebten Landes, ist es den Menschen gestattet, den See zum Fischen zu befahren. Dann aber ist die Ausbeute immer reichlich.

Und auch wenn Tiefensee noch weit entfernt ist von seiner vormaligen Schönheit, so sind die Spuren der Verwüstung weitestgehend verschwunden, und langsam kehrt wieder Ruhe ein. Auch ist das Essen nicht mehr gar so knapp, und so wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis ein Reisender zum anderen sagt:

„Golden wiegt sich das Korn im lauen Sommerwind, saftige Weiden bedecken die Hügel und in den hübschen, weißgetünchten Häusern findet ein Wanderer stets freundliche Aufnahme.“

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