Die Feste Wolkenstein

Aus „Mein Volkstümliches Galladoorn“ von Ertzel Jasper von Adelbruck Grimmelshausen

Um die Festung Wolkenstein, die hoch ueber dem gleichnamigen Staedtchen in den westlichen Bergen der Baronie Schwingenstein thront, rankt sich folgende Geschichte:
Es heißt, Erkenbrand von Hohenzimmern, der Ahnherr des freiherrlichen Geschlechtes von Wolkenstein, wollte eine trutzhafte Burg als Heimstatt seines Geschlechtes und zum Schutz des Landes errichten. Lange sann er ueber den richtigen Ort fuer solch eine Feste, viele Tage hatte er gegruebelt, bis ihm eines nachts von einer Gestalt traeumte, deren Augen von weißer Lehre erfuellt war und deren Haut und Haare einen blaeulichen Schimmer hatten.
Mit durchdingender Stimme sprach sie zu ihm:

Wo der Voegel Schwingen schlagen,
auf hohem Fels, in Wolkenpracht
sei des Turmes Bau vollbracht,
soll auf immer stehen, trutzen allen Tagen.

In der naechsten Nacht erschien ihm die Gestalt erneut und mahnte ihn mit den gleichen Worten, und ebenso in der dritten Nacht. Da machte sich Erkenbrand auf in die Berge, nach dem Ort zu suchen, von dem die Stimme gesprochen hatte. Nach vielen Tagen muehsamer Suche kam er in ein geschuetztes fruchtbares Tal, das von einer hohen Felsennadel ueberragt wurde, deren Spitze sich in dichte Wolken huellte. Um sie herum sah er zahlreiche Dohlen, die die Spitze umkreisten und immer wieder in die Wolken eintauchten. Das Geflatter ihrer Fluegel war an diesem Tag bis ins Tal zu hoeren. Da wusste Erkenbrand, dass er den Ort gefunden hatte, an dem er seine Burg bauen sollte. Er fand einen schmalen Weg, der aus dem Tal hinauf zu der Felsennadel und hinein in die Wolken fuehrte und legte noch an diesem Tag den Grundstein der Burg, die Der Wolkenstein genannt werden sollte, weil sie fast immer in den Wolken zu liegen schien. Mag die Gestalt, die Erkenbrand in seinem Traum gesehen hatte ein Trugbild, mag sie ein goettlicher Bote gewesen sein, ihre Prophezeiung hat sich bewahrheitet, denn nie konnte der Wolkenstein von Belagerern genommen werden und trutzig wird er stehen auf alle Zeiten.

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