Der Volch – Der gefräßige Schrecken Kharkovs

 

„Oh, Mütterchen Kharkov! Beschütze uns vor Krieg, Hunger und Krankheit, doch vor allem vor der Gefräßigkeit des Volches!“

– Gebet eines Rübenbauern aus Illjanov

 

Von allen Plagetieren und Schädlingen, welche die goldenen Felder und fruchtbaren Gärten unserer Heimat bedrohen, gehört der gemeine Volch wohl zu den größten Schrecken, den nur ein dunkler Geist selbst entsonnen konnte.  In den letzten zweihundert Jahren sollen Volchplagen mehr Schaden für unsere Bauern verursacht haben, also sogar der gelb gestreifte Rübenstecher und der Kartoffelmooskopfkäfer gemeinsam. Doch was steckt hinter diesem Schrecken, der nicht unterscheidet, ob arm, ob reich und der selbst wohlhabende Bauern zu Bettelmännern hat werden lassen?

Erscheinungsbild

Fast unscheinbar und friedlich erscheint dem ungelernten Fremden  das gefräßige Tier auf den ersten Blick. Vom Körperbau einem kleinen Biber nicht unähnlich, zählt das massige Nagetier, misst man seinen Schwanz nicht mit, eine Länge von durchschnittlich 35cm. Sein Körper ist gänzlich mit dichtem Fell bedeckt, welches von schwarz über braun, bis hin zu einem hellen rotbraun variiert. Ein feister Schädel mit kleinen runden Ohren und großen dunklen Augen, welche direkt auf die Seele des Menschen zu blicken scheinen, geht fast, als hätte das Tier keinen Hals, in den Körper über. Auf vier starken Läufen mit langen Krallen bewegt sich das gefräßige Untier durch das Land, wobei es einen dicken, sich nach hinten verjüngenden Schwanz von ungefähr 20cm hinter sich herzieht. Gewaltige Nagezähne, die selbst dem härtesten Holz stand zu halten scheinen, thronen im Inneren des breiten Mauls. Zwei Kilogramm, beim Männchen dieser Gattung sogar drei beträgt das Gewicht eines ausgewachsenen Exemplars.
Lederne Schwimmhäute an den hinteren Extremitäten nutzt das Tier, um sich trotz seines enormen Gewichtes und seines plumpen Körperbaus geschickt im Wasser zu bewegen.

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Lebensraum

Abhängig von Lebensraum der Kreatur, der Volch ist bei der Wahl des selbigen nicht wählerisch und bewohnt sowohl Sümpfe, Seen, aber auch Wälder und Auen, unterscheidet sich die Größe, sowie der Aufbau des Volchbaus, welcher er während der Aufzucht seiner Jungen bewohnt. Die sogenannte „Volchburg“, ein Erdbau, welches das Tier mit Hilfe seiner Vorderpfoten und seiner Nagezähne buddelt, erweitert der Schädling um einen Aufbau aus Materialien, welche er in seinem Umfeld findet. Dies können Schilf und Treibholz, aber auch Äste, dicht bewachsene Zweige oder auch Dinge sein, welche er Menschen gestohlen hat, wie Jutesäcke oder gar zum Trocknen aufgehängte Wäsche. Befindet sich der Bau des Volches nahe einem Gewässer, so verlegt die Kreatur den Eingang des Baues unter Wasser. Versuche haben ergeben, dass  Volche bis zu einer Dreiviertelstunde unter Wasser verbringen können, ehe ihnen die Luft zum Atmen ausgeht.
Der Volch ist in der Regel nacht- und dämmerungsaktiv und schläft Tagsüber. Er unterbricht diesen Rhythmus jedoch, wenn ein akuter Nahrungsmangel ihn dazu nötigt, auch tagsüber Futter zu sammeln.
Während der Volch fast das ganze Jahr als Normade lebt, daher den Futterbeständen nachreist, beansprucht das Männchen während der Fortpflanzung ein festes Revier, dass er gegen gleichgeschlechtliche Rivalen anfangs durch Zähneklappern und schließlich durch aggressives kämpferisches Verhalten verteidigt.

Fortpflanzung und Aufzucht der Jungtiere

Der Volch ist in der Lage sich in der Zeit zwischen März bis August, daher nach der ersten Schneeschmelze und vor dem ersten Schneefall, fortzupflanzen. Das Volchweibchen legt nach einer Tragezeit von etwa 16 Tagen in der Regel vier bis zehn Eier von schlammigbrauner Farbe. Nach weiteren 10 Tagen schlüpfen die Jungtiere und werden einen Monat gesäugt, bis sie den Bau selbstständig verlassen. Nach nur zwei Monaten wird das Volchweibchen bereits geschlechtsreif, Männchen mit drei Monaten. Ab diesem Moment ist das Weibchen in der Lage drei Mal im Jahr Nachwuchs zu empfangen.
Das Volchmännchen ist polygam. Ein einziges Männchen begattet bis zu fünf Weibchen in einem Umkreis von bis zu 2km. Da die Männchen jedoch bis zum Schlüpfen der Jungen seinen Weibchen treu bleiben, verbringt es die meiste Zeit  während der Brutzeit damit, seine bis zu fünf Weibchen mit Nahrung zu versorgen, oder weitere weibliche Tiere zu begatten.

Während des Begattungsakten, welcher zwischen 20 bis 50 Minuten  andauern kann, gibt das Volchmännchen hohe quietschende  bis Pfeifende Laute von sich.

Nahrung

Der Volch ist ein Meister der Nahrungsverwertung. Zu seiner bevorzugten Kost zählen Muscheln, Larven, Krebse, Schnecken, Obst, Gemüse, Getreide, Wurzeln und seltener Fisch, Eier anderer Tiere und Aas. Er scheut jedoch auch nicht davor zurück, menschliche Behausungen nach Essbaren zu durchsuchen und es sind selbst Berichte bekannt,  in denen davon die Rede ist, dass hungrige Volche versucht hätten, einen schlafenden Bettler anzuknabbern.
Besteht Nahrungsmangel im Umfeld des Volches, sei es durch Überpopulation oder durch zum Beispiel lange Trockenperioden, kann es vorkommen, dass sich hungrige Volche zu kleinen Gruppen oder ganzen Rudeln von bis zu zweihundert Exemplaren zusammenfinden und teils Wochenlange Wanderungen auf sich nehmen, um wie Heuschrecken über Felder, Wälder oder Siedlungen herzufallen.
So war der Volch bereits unter anderem für das Aussterben der gemeinen Volchschnappmuschel, sowie ebenso für die des Rotkammholbens  und des Stichelsumpfbinsens verantwortlich, die jedoch bisher von niemandem vermisst wurden.

Natürliche Feinde

Als natürliche Feinde des Volches gelten vor allem Fuchs, Uhu und Marder. Auf Grund des starken Eigengeruchs des Volches, welcher von je zwei Drüsen am Nacken, sowie am hinteren Rücken des Volches abgesondert werden, sowohl beim Weibchen, als auch beim Männchen, werden die Tiere jedoch von ihren Fressfeinden nur im Fall absoluten Nahrungsmangels gerissen.
Auch für den Menschen ist das Fleisch auf Grund seines bitteren salzigen Geschmacks kaum genießbar.

Verwertung

Nicht nur zur Fleischgewinnung eignet sich der Volch kaum, auch sein Fell zeigt Eigenschaften, welche eine Weiterverarbeitung nicht lohnenswert machen. Wird das Fell des Volches nass, so erzeugt es einen faulig süßlichen Duft, welcher sich auch nach ausführlichem Gerben und Waschen nicht entfernen lässt.

Volchjäger

Einige wenige Männer und Frauen, welchen eine Arbeit an anderer Stelle verwehrt bleibt, gehen dem ganzjährigen Handwerk der Volchjagd nach. Da sich der Volch bei einem guten Nahrungsangebot schnell vermehrt, bleiben Volchjäger selten lange ohne Anstellung. Bewaffnet mit einem Sack, sowie einem Holzschläger, der sogenannten „Volchklaschte“, machen sie sich auf die beschwerliche Jagd nach dem Plagegeist. Auf Grund ihres stabilen Schädels sind oft mehrere Schläge auf dieselbe Stelle nötig, um ein ausgewachsenes Tier zu Fall zu bringen. Obwohl die Volchjagd vor allem in der Zeit zwischen der Saat und der Ernte von einer solch immenser Wichtigkeit ist, dass Gutsherren soviele ihrer Bauern und Leibeigene abstellen wie möglich, um den Tieren auf die Spur zu kommen, wird die Jagd auf den Volch als schmutzige, verächtliche Arbeit angesehen und dementsprechend schlecht vergütet. Aus diesem Grund leben Volchjäger am Rande der Gesellschaft, ihre Gegenwart wird von vielen ihrer Mitmenschen als unangenehm und störend empfunden und ihnen wird nachgesagt, dass sie nach Jahren der Jagd auf die Kreatur sowohl Geruch, als auch Ähnlichkeiten in Gestalt und Verhalten mit dem Volch teilen würden.

 

 

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